Frontal 21 am 15. April 2003:
Fälscher am Werk - Die Geheimdienste und Saddams Massenvernichtungswaffen
Seit Kriegsbeginn suchen Spezialeinheiten des US-Militärs fieberhaft nach Massenvernichtungswaffen in Irak. Doch bislang wurden weder biologische, chemische noch atomare Kampfstoffe gefunden. Kampfstoffe, die von US-Präsident George W. Bush als für den Krieg gegen Bagdad angeführt werden.
Doch zurzeit sind die US-Truppen genauso weit wie die UNO-Inspektoren, denen es in drei Monaten mit über 200 Kontrollen an 141 Orten auch nicht gelungen war, Beweise oder Hinweise auf mögliche Massenvernichtungswaffen zu finden. Ein zentraler Grund, der den Krieg der Koalition gegen Irak rechtfertigen soll, ist das angebliche Atomwaffenprogramm Saddam Husseins.
Doch, wie Frontal21 (ZDF) schon am 11. März berichtete, waren die Beweise, die dafür dem UN-Sicherheitsrat vorgelegt wurden, plumpe Fälschungen. Inzwischen wurde bekannt, dass die Bush-Regierung über die mangelnde Qualität der Beweise durch den CIA informiert wurde - bevor sie diese Beweise der Welt präsentierte. Frontal21 über Geheimdienste und die Suche nach Beweisen.
Frontal21 vom 11.März 2003: Falsche Beweise - Skandal um Geheimdienst Dokumente
Große Aufregung um gefälschte Dokumente, die ein vermeintliches Atomprogramm des Irak betreffen. Wieder Leiter der Atomenergiebehörde Mohamed el Baradei in einem Interview mit Frontal21 bestätigt, handelt es sich bei den Geheimdienstpapieren über eine geplante Uranlieferung an Saddam Hussein um grobe Fälschungen.
von Johannes Hano, Thomas Reichardt, Rita Stingl
Während in New York noch um Krieg oder Frieden gerungen wird, warten die Soldaten darauf, gegen den Irak loszuschlagen. Ein zentraler Grund, der diesen Krieg rechtfertigen soll, ist das angebliche Atomwaffenprogramm der Regierung in Bagdad. Der britische Geheimdienst hatte Beweise dafür vorgelegt, dass der Irak vor kurzem noch versucht habe, sich Uran aus dem afrikanischen Staat Niger zu besorgen.
Die Sprecherin der internationalen Atomenergiebehörde in Wien Melissa Fleming: "Das war ein sehr schlimmer Vorwurf, den wir da bekommen haben. Das war das einzige was mit nuklear zu tun hat, also direkt mit einem Versuch Atommaterial zu bekommen. Das war eigentlich der ernsthafteste Vorwurf." Die Fachleute haben herausgefunden, wie die Weltöffentlichkeit getäuscht werden sollte. Der Chef der Organisation bestätigt die plumpe Fälschung.
Mohamed el Baradei: "Die Beweise die wir geprüft haben, über die Anstrengungen des Irak, Uran in Niger zu besorgen, haben sich als Fälschung herausgestellt. Die Papiere die wir bekommen haben, waren nicht echt, reichten nicht aus, um einen Verdacht zu begründen."
Die erstaunliche Karriere dieser plumpen Fälschung beginnt irgendwann im vergangenen Sommer in Rom. Wie Frontal21 aus UNO-Kreisen erfuhr, trifft sich dort ein unbekannter Informant mit einem italienischen Geheimagenten. Der Informant übergibt dem Agenten mehrere Briefwechsel zwischen dem Irak und Behörden des afrikanischen Landes Niger.
Die Briefe sollen dokumentieren, dass der Irak Uran aus Nigers Minen kaufen will. Das wäre ein gravierender Verstoß gegen die UN-Resolutionen, und ein Beleg dafür, dass der Irak versucht Atomwaffen zu bauen. Über italienische und französische Behörden erfahren dann auch die britischen und amerikanischen Geheimdienste von den Briefen. Die erkennen die Brisanz sofort und plötzlich tauchen die vermeintlichen Beweise an höchster Stelle als Wahrheit auf. Am 24. September stehen Details der Briefe im so genannten Blair-Dossier, ein Papier, mit dem die britische Regierung Saddams Gefährlichkeit beweisen will.
Der britische Premierminister Tony Blair: "Sein chemisches, biologisches und atomares Waffenprogramm ist kein historisches Überbleibsel, das die Inspektoren nur noch aufräumen müssten. Sondern es ist nach wie vor aktiv und entwickelt sich weiter."
Im Dossier auf das Blair sich bezieht, heißt es wörtlich: "Aufgrund der Geheimdienstinformationen urteilen wir, dass der Irak versucht hat, bedeutende Mengen Uran aus Afrika zu beziehen, obwohl der Irak kein laufendes ziviles Atomkraftprogramm hat, das dies notwendig machen würde."
Doch damit beginnt die Karriere der Fälschung erst. Sofort nach bekannt werden, fordern die UN-Waffeninspektoren den Bericht samt Beweisen zur Prüfung an. Dann im Dezember, drei Monate später, legt der Irak, wie von der UNO gefordert, seinen Rüstungsbericht vor. Die amerikanische Regierung aber kritisiert den Bericht sofort, wirft dem Irak vor, wichtige Informationen darin zu verschweigen. Als Beweis führen die USA ausgerechnet die Informationen aus den dubiosen Briefen an, die in Italien übergeben wurden, sprich die Fälschungen.
In einer öffentlichen Stellungnahme des amerikanischen Außenministeriums heißt es: "Beispiele für Auslassungen im Waffenbericht des Irak gegenüber dem Uno Sicherheitsrat: Beispiel Nuklearwaffen. Der Bericht verschweigt Bemühungen [des Irak] sich Uran aus dem Niger zu beschaffen. Warum verheimlicht das irakische Regime die Beschaffung von Uran?"
Und schließlich der Höhepunkt bei der Veröffentlichung der Fälschungen. Am 28. Januar schwört George Bush in seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress die amerikanische Öffentlichkeit auf einen Krieg gegen den Irak ein. Unter anderem mit folgender Begründung: "Die britische Regierung hat erfahren, dass Saddam Hussein vor kurzem versucht hat, in Afrika bedeutende Mengen Uran zu kaufen. Von unseren Geheimdiensten wissen wir, dass er versucht hat, Aluminiumröhren für die Herstellung von Atomwaffen zu beschaffen. Saddam Hussein hat seine Aktivitäten bisher nicht glaubhaft erklären können. Er hat offensichtlich viel zu verbergen."
Also noch einmal: Der amerikanische Präsident und der britische Premierminister behaupten öffentlich, dass der Irak ein gefährliches und verbotenes Atomwaffenprogramm betreibt. Die Briefwechsel zwischen dem Irak und den Behörden des Niger dienen dafür als zentrale Beweise. Nur, die Beweise haben, wie gesagt, einen Schönheitsfehler: Sie sind stümperhafte Fälschungen.
Melissa Fleming: "Wir haben einfach überprüft ob das alles gestimmt hat. Wir haben ein Datum auf dem Briefkopf, wir wussten, dass es ziemlich oft Regierungswechsel in dem Land gegeben hat, ob das alles zusammengepasst hat - und das hat nicht zusammengepasst zu dem Datum. Es gab zu dem Datum einen anderen Briefkopf und einen anderen Minister - plumpe Fälschung."
Plumpe Fälschungen als Beweise für die Weltöffentlichkeit. Dass die amerikanischen Geheimdienste ihrem Präsidenten Beweise vorgelegt haben sollen, die sie selbst vorher nicht überprüft haben, hält Wolbert Smidt für völlig ausgeschlossen. Er war bis 2001 erster Direktor des Bundesnachrichtendienstes. Solche Beweise zu überprüfen, gehöre zum Einmaleins des Spionagegeschäfts. Wolbert Smidt: "Ist der Briefkopf in Ordnung, entspricht die Unterschrift der Unterschrift, die normalerweise von einem solchen Minister gegeben wird, ist die Schrifttype so, dass sie der Regel entspricht. In diesem Zusammenhang muss ich sagen, dass jeder seriöse und leistungsfähige Geheimdienst über eine Fülle an Material verfügt, mit dessen Hilfe er überprüfen kann, ob ein Dokument echt ist oder nicht."
Gefälschte Briefe, abgeschriebene Zeitschriftenartikel. Eigentlich also alles ganz einfach. Doch dass Amerikaner und Briten derzeit vieles unternehmen um Beweise zu liefern, die einen Krieg legitimieren, zeigt ein weiteres Dossier. Anfang Februar veröffentlichte die britische Regierung ein Papier, das belegen sollte, mit welchen Methoden der Irak die Waffeninspektoren an der Nase herumführt. Doch auch hier ein kleiner Schönheitsfehler.
Die meisten Informationen sind älter als zehn Jahre, entdeckte Irak-Experte Glen Rangwala von der Cambridge University. Der Bericht - zum größten Teil abgeschrieben aus der Arbeit eines amerikanischen Studenten - und zwar bis auf die Kommafehler. An entscheidenden Stellen aber wurde der Text verschärft.
Glen Rangwala: "Im Originalartikel heißt es, dass die Aktivitäten einer bestimmten Organisation dazu dienen, Oppositionsgruppen in feindlichen Regimen zu unterstützten. Im britischen Regierungsdossier wurde daraus die Unterstützung von terroristischen Gruppen in feindlichen Regimen. Sie haben einfach ein paar Wörter geändert um zu zeigen, dass diese Organisation sehr viel gefährlicher ist als im Original-Artikel."
Gefälschte Briefe, abgeschriebene Zeitschriftenartikel, an denen dann auch noch manipuliert wurde, sollen also als Beweise für einen Krieg herhalten. Haben die Führer der Kriegskoalition also in ihrem Wunsch nach Rechtfertigungen für den Krieg bewusst gelogen und Bedenken weggewischt oder aber haben die Geheimdienste versagt? Wo sind die Beweise?
Für Wolbert Smidt ist die Sache klar: "Wenn erst mal eine Information in die Hände der Politik gerät, dann nimmt sie ihren eigenen Lauf, dann ist sie durch die Dienste nicht mehr kontrollierbar und dann obsiegen einfach die politischen Interessen." Und die politischen Interessen der USA und Großbritanniens zeigen sich jeden Tag an den Grenzen zum Irak.
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Zur Zeit machen sich wahrscheinlich alle amerikanischen Geheimdienste gemeinsam darüber Gedanken, wie sie Massenvernichtungswaffen in den Irak einschleusen können, ohne dabei entdeckt zu werden. Doch all dies klingt nach der widersprüchlichen Sprache der furchtbaren, zugleich ominös gebliebenen Attentate vom 11. September 2001: einerseits wurden 17 moslemischen Terroristen eine Beteiligung an diesen Attentaten nachgewiesen andererseits jedoch soll etwa eine Boeing 757-200 mit einer Länge von 42,37m und einer Flügelspannweite von 38m in das Pentagon gestürzt sein: die Länge der Beschädigung des äußersten von 5(!) Ringen des Pentagons betrug gerade einmal 20m, und von der Boeing war weder vorher noch nachher irgendetwas zu sehen ... (Anm. Erwin Leder, 2003-04-16)