ERWIN A. R. LEDER
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PROJEKTIDEE JUGENDHAUS BOHMANNHOF - JUMBO
Der zuvor vorerst oftmals angezweifelte, belächelte und wenig ernst genommene im September 2003 eröffnete Ingeborg-Bachmann-Park stellt sich als eine positive praktische Innovation für alle Generationen seines Umfeldes heraus, die es nunmehr wie irgend möglich fortzusetzen gilt. Es geht nämlich einmal mehr endlich vor allem um diejenigen, die von uns abhängig sind, oftmals hilf- und schuldlos allein gelassen und daher arm an Perspektive geworden: um die Jugend unseres Umfeldes, also eine Form unserer eigenen unmittelbaren Existenz und Zukunft.
FAKTEN
Seit Jahren und Jahrzehnten beobachten wir in unserem eigenen Unfeld (scheinbar hilflos) Folgen eines „familiären Getto-Daseins“: eine große Anzahl Kinder und Jugendlicher, die praktisch (auf Grund mangelnder wirtschaftlicher u/o psycho-sozialer familiärer Verhältnisse) minder- oder unbetreut ihr Freizeitdasein, das heute bedauerlicherweise allzu oft einem Arbeitslosen-Dasein gleichkommt, dahinfristen. In einer materiell verhafteten doppelmoralischen Gesellschaft stellt sich naturgemäß auf Dauer die Sinnfrage, aber vor allem auch bei den Jugendlichen selbst, die ihren erwachsenen „Vorbildern“ wie Eltern, Lehrern und Umfeld allzu oft nicht folgen können und daher auch nicht wollen. Frustrierte junge Menschen mit all dem natürlichen Riesenpotential an Energie, das ihrer Entwicklung dienen soll, verfallen aus Mangel an liebevoller Zuwendung in ein mechanisches Leben von Gleichgültigkeit und Lethargie, die sich in mehrfacher Hinsicht für sie selbst und ihr Umfeld zerstörerisch auswirken muss, nämlich in Form von Unachtsamkeit, Gefühllosigkeit, Drogenkonsum und erhöhter Gewaltbereitschaft.
Der Vorfall Stiege 60 lt. August Swoboda ist kein Einzelfall und lässt sich weder durch Belehrungen noch durch Polizeigewalt beheben. Wir selbst kennen ähnliche Situationen aus unserer Jugendzeit, wissen aus eigener Erfahrung, dass zudem derlei Dingen einfach ihren Lauf nehmen zu lassen die Situation nur verstärken und verschlechtern kann. Noch ist Wien eine der sichersten Städte, doch die Welt gerät aus den Fugen und durch wen sonst, als durch unsere eigenen Kinder, denen Perspektive zu vermitteln wir offensichtlich nur schwer imstande sind.
Wer aber, wenn nicht wir selbst, ist verantwortlich für die Perspektivelosigkeit, die Visionslosigkeit unserer Kinder, wenn die Kinder doch zu allererst in unseren Verantwortungsbereich geboren wurden? Für die Jugend selbst ist freilich durch unsere Obsorgepflicht erst in zweiter Linie die Findung ihrer Perspektive möglich. Wir können die Verantwortung nicht allein auf andere abschieben (Politik, Wirtschaft), denn zu allererst sind wir diejenigen, die für eine breite Palette von Entfaltungsmöglichkeiten Sorge zu tragen haben, die wir unseren eigenen Kindern angedeihen lassen wollen, und zwar die bestmöglichen für das Beste, das wir haben, solange es für uns greifbar ist.
FÖRDERUNGSBEREICHE
Generell werden bis heute gefördert Gesellschaftskonformität, Konsum- und Konkurrenzdenken und dadurch leider auch verminderte Kritikfähigkeit der User dieses Systems, Mittel dazu sind ein Wust an Bildungswissen, Konzentration, Härte, Zielstrebigkeit, Karrierewille und Streben nach Machtpositionen, was, in emotionalen Bereichen oft auf sich allein gestellt, zu Überforderung, Scheuklappen-Perspektive, Abhängigkeit, Angst, Frustration und Vereinsamung führt, in Folge dann zu verschiedenen Formen von Ausbruchsversuchen - erst aus Familie und/oder Bildung, Konsumflucht, dann zum Bruch mit dem Gesetz usw., wir kennen das ja alles.
Generell zu wenig geförderte Bereiche in unserer Gesellschaft sind bis heute gegenseitige Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Aus der Vergangenheit müssen wir lernen: die Erziehung speziell junger Menschen darf kein Belehren sein, sondern muss anregen vor allem zum Miteinander, denn ohne Beziehungsfähigkeit ist ein kreatives Leben nicht möglich, Isolation führt zu Trennung, Konflikt und Gewalt. Daher ist es unsere Aufgabe, dazuzuschauen, der Jugend vor Ort praktische Möglichkeiten zu bieten, sich erst durch uns und eines Tages aus sich selbst heraus entwickeln zu können. Es ist wie bei vernünftiger Entwicklungshilfe: ein Weg darf einem Volk nicht vorgegeben, aufgezwungen werden, das Volk muss selbst in die Lage kommen, sich zu bewegen, sonst gerät es in Abhängigkeiten, die unweigerlich zu Konflikten führen.
Was heißt das: Förderung der Selbsterkenntnis durch Achtsamkeit zu sich selbst und zum gesamten unmittelbaren Umfeld, damit nämlich Förderung der Herstellung praktischer Beziehungsfähigkeit, den Dingen, wie sie sind, ins Auge zu sehen und nicht davor zu flüchten, zu lernen nämlich, sich mit der Realität auf unmittelbar achtsam-kreative Weise zu konfrontieren. Diese Aufgabe muss die Prämisse für eine künftige Jugendarbeit in einem Umfeld sein, das sich durch Sinnes- und Perspektiveverlust wie Gewaltbereitschaft auszeichnet.
Nur wer Vertrauen bekommt, gibt auch welches zurück. Jugendliche sollten beim Planen, Bauen und Einrichten selbst dabei sein nicht nur dürfen, sondern erwünscht sein. Junge Menschen haben einen scharfen Geist, sie wissen selbst am besten, was sie und wie am besten brauchen. Nach der Eröffnung des Ingeborg-Bachmann-Parks wird offensichtlich, wie sehr die Jugend die dort gegebenen Möglichkeiten zu nutzen gewillt ist, das ist eine Tatsache. Doch war ´s das gewesen? Ein paar Spielplätze mehr haben wir nicht zu bieten? Und was wird nun in der kalten Jahreszeit? In dieser Herausforderung sehe ich eine großartige Chance, die genützt werden sollte: die jungen Leute sind gewillt, derartige Innovationen anzunehmen und vernünftig zu nützen. Ein Jugendhaus mit einem modernen offenen vertrauensbildenden und Talente fördernden Erziehungs- und Betreuungskonzept ist eine möglicherweise für viele andere Siedlungsbereiche Beispiel gebende neuartige praktische Innovation, die zwar kurzfristig Einsatz und Geld kostet, langfristig jedoch mehr als zurück kommen wird. Österreich ist trotz Wirtschaftsflaute und Sparpaket noch immer eines der reichsten Länder der Welt. Wohin investieren wir unser Geld? Wer nämlich an der Jugend spart hat mit Sicherheit falsch investiert, die Zukunft wird es zeigen. Gut gemeinte Ratschläge und Belehrungen sind als Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen längst veraltet. Wenn junge Menschen praktischen Halt und Vertrauen finden und sich freimütig schöpferisch ausprobieren können, wird sich das naturgemäß riesig kreative junge Potential jedes Einzelnen später umso förderlicher für die ganze Gemeinschaft und sich selbst auswirken können. Nach der Erfahrung der letzten Jahrzehnte genügt es eben nicht, zu meinen „das kennen wir alles, das wissen wir bereits“ usw.: die gebotene Alternative ist zweifellos eine unausbleibliche gemeinsame Anstrengung mit der Perspektive, die auch für das Jugendhaus gilt: ein praktisches Miteinander jetzt für morgen.
JUMBO - DAS JUGENDHAUS BOHMANNHOF
vorwiegend für junge Leute im Alter von 6 bis 27 ist unter anderem ein Projekt zur Förderung praktischer Mitverantwortlichkeit im obigen Sinne verwaltet von geschultem Personal wie selbst verwaltet. Im Ansehen des Ingeborg-Bachmann-Parks drängt sich meiner bescheidenen Auffassung nach ein Erdenhausobjekt auf, das in folgende praktische Bereiche gegliedert ist:
Aufenthaltsbereich
gemütlicher Gemeinschaftsbereich mit kleiner Bühne, bequeme Möbel, Billard, Tischfußball, Ausschank zu erschwinglichen Preisen, Audio-Anlage - Abspielen selbst mitgebrachter Musik nach Anmeldeliste möglich, kleines TV-Gerät in Extraraum, kein Nikotin, kein Alkohol, keine sonstigen Drogen
Betreuungsbereich
umfasst die Hausbetreuung für die verschiedenen Hausbereiche selbst,
Zuwendung und psychologischer Beistand durch entsprechend geschulte Jugendbetreuer und allfällige Eltern, Streetworker und Drogenberater,
Animatoren, Sport- & künstlerische Betreuer
Die Benützung folgender Bereiche muss/soll durchaus nicht unentgeltlich erfolgen, etwa Einzelbenützung 50 €-cent/Halbtag, oder monatl. Benützungspauschale etwa auf Vereinsbasis für einen Bereich oder alle Bereiche - Mittellose erhalten Ermäßigungen oder Förderungen gegen entsprechenden Nachweis - Benützung auf eigene Verantwortung und Gefahr, versch. Versicherungsangebote möglich
Sportbereich
kleine Halle für Hand-, Basket- und Fußball, kleiner Raum mit Wandleitern, Reck, Fitnessgeräten etc., Garderoben, Dusche, WC
Musikbereich
ventilierte kleine Räume in der untersten Etage, Instrumentenverleih, ein Raum mit Gesangsanlage, ventilierte versperrbare zu mietende Proberäume
TV- und Filmbereich
zum gemeinschaftlichen Sehen von Filmen (DVDs und Videos)
Bereich Darstellende Kunst
Bibliothek und Lesebereich, ventilierter Probenraum ca. 7x7m zum Vorbereiten von Theater- und Tanzevents, Garderobe, Dusche, WC
Bereich Bildende Kunst - Atelierbereich
Materialstelle, ventilierter Raum zum Malen und Zeichnen mit entsprechenden Gerätschaften, Raum zur vorübergehenden Aufbewahrung eben entstehender Werke, evtl. auch Bildhauerei- & Ausstellungsraum
Erwin Leder, 2003-10-30