Heilen durch Liebe
Isolation und Einsamkeit machen krank, Liebe und Zuwendung wirken heilend. Das haben zahlreiche Studien auf der ganzen Welt ergeben. Die Kraft der Liebe ist mehr als ein esoterisches Schlagwort. Sie wirkt sich auch auf den Körper aus. Einsamkeit kann krank machen und die Lebenserwartung senken. Liebevolle Zuwendung kurbelt das Immunsystem an und unterstützt bei Heilungsprozessen.
Die Kraft der Liebe ist das meist besungene und beschriebene Mysterium der Welt. Ohne Liebe erscheint das Leben oft sinnlos und dunkelgrau. Doch kaum tritt sie zum Beispiel in Gestalt eines Menschen, dem wir uns verbunden fühlen in unser Leben, geht an den finstersten Tagen die Sonne auf. Die Seele lacht, und der Körper fühlt sich, als könnte er Bäume ausreißen. Wie sich die Kraft der Liebe auf Gesundheit und Krankheit auswirkt, war jahrzehntelang der Inhalt zahlreicher Forschungsarbeiten auf der ganzen Welt. Sie alle kamen zu einem übereinstimmenden Ergebnis: Liebe hilft heil werden und verlängert das Leben.
Das Herz, ein Symbol der Liebe
Wie viele Herzchen wurden schon auf Briefe gemalt und in Baumrinden geritzt, um Liebe sichtbar zu machen? Es kommt nicht von ungefähr, das das Herz zum Symbol der Liebe ist. Liebevolle Begegnungen wärmen spürbar das Herz, gefühllose Äußerungen können wie Pfeile mitten hinein treffen. Und zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Liebe und Nähe auf Herzkrankheiten eine heilende Wirkung ausüben. Der amerikanische Ganzheitsmediziner und Herzspezialist Dean Ornish hat sich 20 Jahre lang forschend mit diesem Thema beschäftigt. In seinem neuesten Buch „Die revolutionäre Therapie: Heilen mit Liebe“ stellt er fest, dass Methoden für die Bewältigung von emotionalem Stress bei der Behandlung von Herzkrankheiten ebensoviel Bedeutung eingeräumt werden sollten, wie Ernährung und Bewegung.
Liebe öffnet die Herzarterien
An der Yale-Universität wurde bei Herzuntersuchungen mittels koronarer Angiographie bei 119 Männern und 40 Frauen das Ausmaß der Blockierungen in ihren Herzarterien auf Röntgenfilm festgehalten. Diejenigen, die in einer Befragung angaben, sich am meisten geliebt zu fühlen und auch anderen liebevoll beizustehen, wiesen die wenigsten Blockierungen auf. Und das überraschenderweise unabhängig von ihrer Ernährungsweise, Bewegung, ihren Cholesterinwerten, ihrem Nikotinkonsum und der Genetik. Diese Risikofaktoren sind zwar an der Entstehung von Herzerkrankungen wesentlich beteiligt, können aber durch liebevolle Beziehungen beträchtlich abgeschwächt werden, stellte Dean Ornish fest.
Was kränkt macht krank
Menschen, die ohne Liebe, Nähe und Zuwendung leben, haben ein drei- bis fünfmal größeres Risiko, vorzeitig zu erkranken oder zu sterben, als andere, die sich unterstützt, geliebt und verstanden fühlen. Bei einer Langzeitstudie an der John Hopkins Medical School wurden in den 40er Jahren über 1100 Medizinstudenten über das Ausmaß der Nähe zu ihren Eltern befragt. Ziel der Studie war es herauszufinden, ob die Qualität menschlicher Beziehungen ein Faktor bei der Entstehung von Krebs sein könnte. 50 Jahre später stellte sich heraus, dass diejenigen, die an Krebs erkrankt waren, als Studenten einen Mangel an Nähe zu ihren Eltern beschrieben hatten. 100 Prozent der Erkrankten hatten geringe Fürsorge gepaart mit Angst erlebt, über 80 Prozent geringe Fürsorge und Wut. Was nicht zwangsläufig bedeutet, dass eine unglückliche Kindheit in den Krebstod führen muss. Liebevolle spätere Beziehungen können vieles wettmachen, was in frühen Jahren versäumt wurde. Und niemand muss in den destruktiven Beziehungsmustern verharren, die ihm/ihr die Eltern möglicherweise vorgelebt haben.
Zuwendung und Verständnis helfen heilen
David Spiegel von der medizinischen Fakultät der Universität Stanford untersuchte Ende der 80er Jahre die Wirkung von Gruppentherapie auf Frauen mit Brustkrebs und Metastasen. Eigentlich wollten die Wissenschafter widerlegen, dass positive Änderungen im psychosozialen Umfeld bei Brustkrebs das Leben verlängern können. Man beobachtete zwei Gruppen von Frauen, die beide konventionell medizinisch behandelt wurden. Eine Gruppe traf sich darüber hinaus ein Jahr lang wöchentlich neunzig Minuten lang, um gemeinsam über Ängste und andere belastende Gefühle zu sprechen. Dabei entstanden starke Bindungen unter den Frauen und eine Atmosphäre von Verständnis und gegenseitiger Unterstützung. Das unerwartete Ergebnis: Jene Frauen, die an der wöchentlichen Gruppentherapie teilgenommen hatten, überlebten ihre Erkrankung im Durchschnitt doppelt so lange wie diejenigen, die ausschließlich körperlich behandelt wurden. Nach fünf Jahren waren aus der Therapiegruppe noch alle am Leben, aus der Kontrollgruppe niemand mehr.
Liebevolle Beziehungen machen immun
Robert Ader gilt als Entdecker der Psychoneuroimmunologie. Er stellte fest, dass sich bei Tieren wie auch beim Menschen verschiedene soziale Faktoren positiv auf die Widerstandskraft gegenüber Krankheiten auswirken. Eine Erkenntnis, die unter anderem durch eine gemeinsame Studie der Carnegie-Mellon-Universität und der Universität von Pittsburgh bestätigt wurde. 276 gesunden Freiwilligen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren wurden Schnupfenviren in Form von Nasentropfen verabreicht. Fast alle wurden infiziert, aber nicht alle Infizierten zeigten die Symptome einer Erkältung. Die WissenschafterInnen betrachteten daraufhin die Beziehungen der Versuchspersonen zu ihren PartnerInnen, Eltern, FreundInnen, KollegInnen etc. und stellten fest: Die Anzahl der sozialen Beziehungen wirkt sich auf das Immunsystem aus. TeilnehmerInnen, die nur mit einer bis drei positiven Beziehungen lebten, hatte ein viermal größeres Risiko, einen Schnupfen zu bekommen, als diejenigen, die in sechs oder mehr Arten von Beziehungen verankert waren. Andere Studien ergaben umgekehrt, dass sich viel Streit auch in langjährigen Beziehungen negativ auf das Immunsystem von Ehepaaren auswirkte. Woraus geschlossen wurde, dass vor allem die Qualität der Beziehung eine wesentliche Rolle spielt.
Liebe lässt Leben wachsen
Soziale Unterstützung durch den Partner oder ein Familienmitglied wirkt sich auch positiv auf Schwangerschaft und Geburt aus. Sogar das Wachstum des Fötus wird beträchtlich verbessert. Das stellte sich bei einer Analyse von 144 Studien an der Columbia-Universität heraus. Außerdem werden belastende Lebenssituationen seltener zum Risiko einer Frühgeburt, wenn sich die werdenden Mütter geliebt und unterstützt fühlen. Eine der ersten Studien zu diesem Thema wurde 1972 in einem Militärkrankenhaus mit 170 Frauen amerikanischer Armeeangehöriger durchgeführt. Frauen, die in den Jahren vor der Schwangerschaft keine emotionale und psychologische Unterstützung erfuhren, hatten bei der Geburt mit dreimal so vielen Komplikationen zu kämpfen wie jene, die von Hilfe und Zuneigung getragen wurden.
Ein Weg zu Liebe und Nähe
Bewusstsein ist der erste Schritt zur Heilung. Und mehr Bewusstheit in zwischenmenschlichen Beziehungen kann lebensfeindliche in heilbringende Muster verwandeln helfen. Dean Ornish rät zu gewaltfreier Kommunikation als ersten Schritt zu einem liebevolleren Umgang miteinander. Von sich und den eigenen Gefühlen zu berichten ermöglicht zum Beispiel dem Gegenüber auch in Konfliktsituationen mehr Offenheit und Verständnis, als aggressive Angriffe und Beschuldigungen. Einfühlungsvermögen und Mitgefühl führen zu einem Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens in einer Beziehung und: „...es ist wahrscheinlicher, daß man das Risiko der Verletzbarkeit eingeht und sich der Liebe öffnet, die aus dem eigenen Herzen in das Herz eines geliebten Menschen fließt und wieder zurückfließen will und die daraus resultierende Nähe kann heilsam sein.“ (Dean Ornish)
Sabine Knoll
Gut Loschberg, Niederösterreich
(erstmals erschienen bei www.surfmed.at)
Buchtipp: Ornish, Dean: Die revolutionäre Therapie: Heilen mit Liebe. Mosaik Verlag, München 1999.