Beziehungen
Grundthemen
einer Betrachtung
Worum geht es?
Für die meisten Menschen basiert
Beziehung auf wirtschaftlicher oder psychischer Abhängigkeit. Abhängigkeit
verursacht Angst und weckt in uns Besitzanspruch, dem wiederum folgen
Unstimmigkeiten, Misstrauen und Frustration, die Ergebnisse aus
Erwartungshaltungen, die sich auf Dauer nie so verwirklichen lassen, wie wir
uns das so wünschen oder vorstellen. Im Verlangen nach persönlichem Glück, nach
persönlicher Befriedigung, nach persönlicher Geborgenheit ergreift ein
„Partner“ vom anderen Besitz, fühlt sich bereichert, kreativ, aktiv und hat das
Gefühl, dass die kleine Welt des eigenen Daseins durch den anderen entflammt
und verstärkt wird. Aus Angst, diese Quelle der eigenen Vervollkommnung zu
verlieren fürchten wir den Verlust des anderen Menschen; Besitz ergreifende
Machenschaften kommen zum Vorschein mit all den Problemen, die sich daraus
ergeben.
In einer Beziehung aus
gegenseitiger psychischer Abhängigkeit wird immer bewusst oder unbewusst Angst
mitspielen, und als Reaktion auf diese Angst streben die „liebenden Partner“
auf verschiedenen Wegen nach Sicherheit und Bereicherung, spinnen sich in Ideen
und Ideale ein, oder aber suchen nach Ersatzbefriedigung. Beziehungen sind
zerbrechliche Gebilde. Um mit anderen zu leben, ohne von ihnen abhängig zu sein
oder Besitz zu ergreifen, bedarf es tiefer Selbsterkenntnis. Dann verstehen wir
die Komplikationen in uns und mit anderen, aber auch, dass zu leben in
Isolation nicht möglich ist, und ein Wachsen und Aufblühen auf Beziehungen
beruht, die so lebendig sind wie das Leben selbst, sich stets verändernd und
immer neu.
Die folgenden Betrachtungen sind
dazu angetan, uns mit uns selbst und unserem Umfeld in Einklang zu bringen;
lassen Sie uns also untersuchen, inwiefern Ursachen von Misshelligkeiten in
Beziehungen gleich welcher Art zunächst in uns selbst als einem Mittelpunkt
gebündelten Verlangens liegen. In der Beziehung zu anderen Menschen gibt es
nicht nur physische Probleme, sondern das Problem des Denkens und Fühlens auf
allen Ebenen. Nur wenn wir erkennen, dass das Wichtigste nicht das Handeln des
anderen ist, sondern wie jeder von uns handelt und reagiert, und wenn wir
dieses Reagieren und Handeln von Grund auf verstehen, dann besteht die Chance,
Beziehungen einem tiefen und radikalen Wandel zu unterziehen.
Ich möchte Sie zugleich ermutigen,
mir oder dem hier Entworfenen keinen Glauben zu schenken. Glauben ist etwas,
das die Menschheit seit Anbeginn ihrer Geschichte getrennt hat und so Konflikt
und Gewalt in die Welt bringen musste, und daran kann uns allen eben gerade
nicht gelegen sein. Vielmehr fordere ich vollkommene Aufmerksamkeit ein;
Aufmerksamkeit ist in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich, vielmehr
lernen die meisten Menschen von klein an, sich zu konzentrieren, was das
Gegenteil von Aufmerksamkeit ist; doch dazu später. Nehmen Sie vollkommen
Anteil, und übernehmen Sie nichts von dem Gesagten, überprüfen Sie es anhand
Ihres eigenen Lebens, wie immer Ihr Leben aussehen mag, denn es geht
tatsächlich um Ihr Leben.
Das Leben beruht nicht auf Worten
und Begriffen, das Gesagte ersetzt daher weder Tatsachen noch Taten. Sie werden
Bemerkungen entdecken, für einige von Ihnen Selbstverständlichkeiten, für
andere jedoch völliges Neuland in einer schnelllebigen Gesellschaft, die kein
Auge hat dafür, Dinge so zu sehen, wie sie sind. Menschen aus einer zum
Verdrängen erzogenen Konsumgesellschaft eilen etwa an scheinbar so
selbstverständlichen, doch so wesentlichen Dingen vorbei wie an blühenden Blumen
und ihrem Duft, welcher doch für alle da ist, jedenfalls jedoch für jene, die
sie und ihn bemerken.
Bilden Sie sich kein Urteil über
das Gesagte, betrachten Sie es ohne Bewertung. Können Sie das? Begeben Sie sich
auf eine andere Ebene, als die Ihnen gewohnte Ebene einer dekadenten,
verlogenen und korrupten Gesellschaft, in der sie leben, in welcher erzogen
Wertvorstellungen in Ihnen eine Moral erzeugten, die mit dem hier Gesagten
nicht das Geringste zu tun hat. Wenn wir wirklich miteinander kommunizieren
wollen, und darum geht es hier, obgleich Sie hier „Nahrung aus der
Konservendose“ erhalten, so ist dies ausschließlich möglich, wenn Sie sich
selbst in jeder Phase an dem Geschriebenen beteiligen, einfach offen
tatsächlich beteiligen, weder es nur versuchen, noch nur teilweise tun, sondern
es tatsächlich tun; der Wille allein genügt nicht. Das ist eine Tatsache.
Sie sind nicht gezwungen, alles auf
einmal zu lesen oder zu verstehen. Gehen sie alles Stück für Stück durch.
Fragen Sie sich selbst, und lassen Sie den Text wirken, in aller Ruhe, auch
wenn Sie ihn momentan vielleicht verwirrend finden oder nicht gleich im
nächsten Moment „erleuchtet“ werden. Realität kommt zum Vorschein, wenn der
Geist still ist. Vertrauen Sie sich selbst: setzen Sie dies voraus; Sie sind
weder zu dumm noch zu klug für diese Welt, Sie sind am Leben. Leben ist stets
eine neue Herausforderung. Niemand ist imstande, Ihr Leben zu leben außer Sie
selbst, und niemand, kein Elternteil, kein Partner, Lehrer, Politiker, Arzt,
kein Priester oder Guru kann Ihnen etwas abnehmen, auch nicht Ihre Einsamkeit
von der Wiege bis zur Bahre.
Haben Sie Geduld, Geduld öffnet
vieles von selbst. Wir sind hier nicht im Kino oder am Fußballplatz, wo Sie
unterhalten werden, oder in einer Schule oder Kirche, wo etwas von Ihnen
erwartet wird. Wenn Sie ungeduldig sind, können Sie nicht erwarten, dass eine
Sache sich Ihnen eröffnet; seien Sie einfach nur ganz dabei, dann wird die
Sache sich Ihnen von selbst offenbaren, ebenso, wie Sie sich der Sache öffnen. Es
ist, wie in Ihrem Leben, ihr Leben ist eine Tatsache, und wir sprechen hier von
Tatsachen, nicht von Ideen, Ideologien oder Visionen.
Hier geht es um den Frieden mit
sich selbst und anderen. Friede ist keine Idee oder Vision, die Sie mit einer
Ideologie erreichen können, sondern eine Tatsache. Sie können Frieden nicht
erreichen, Sie müssen Friede sein. Wenn Gewalt für Sie eine Tatsache ist, und
Friede eine Idee, wie für nahezu alle von uns, und werden sich lange umsonst
bemühen, Frieden in sich selbst zu erhalten. Sie können nur erhalten, wenn Sie
zu geben imstande sind. Sie können nicht nach Frieden streben und ihn von Zeit
zu Zeit verwirklichen wollen, weil die Welt um Sie herum so brutal und
rücksichtslos ist. Wenn Sie das akzeptieren, so haben Sie sich selbst im
Fahrwasser der Brutalität gefangen und können kein friedfertiger Mensch sein,
so sehr Sie sich auch bemühen mögen. Sie werden immer wieder zurückgestoßen
werden oder selbst in Depressionen gelangen, die nur neue Konfusion und Gewalt
hervorruft.
Wenn wir wirklich ein friedfertiges
Leben führen wollen, müssen wir es tun, zunächst für uns selbst, indem wir uns
für es öffnen. Auch hier genügt der „gute Wille“ alleine nicht, der bekanntlich
eher Konflikte produziert, da er mit den verschiedenen ebenso „guten Willen“
anderer allzu oft divergiert. Zudem können Sie von niemandem erwarten, dass er
friedfertig zu Ihnen ist, wenn Sie dazu nicht imstande sind. Sie können zwar
erwarten, dass andere sich Ihnen gegenüber entsprechend friedfertig verhalten,
erzwingen lässt sich ein solches Anliegen allerdings nicht, genauso wenig, wie
dass ihr Lebensgefährte für Sie ein friedliches Leben führt, und so eine Art
„Ausgleich“ für Sie zu schaffen imstande wäre. Das sind vielleicht nette Ideen,
um die eigene Bequemlichkeit zu rechtfertigen, und zuletzt den „Schwarzen
Peter“ einem anderen zuschieben zu können, daher extrem Konflikt fördernd.
Durch Autorität können Sie nicht Frieden schaffen, sie wirkt wie ein
Schutzschild, eine Mauer, die Öffnung
und Entfaltung verhindert.. Wie ist es also möglich, miteinander wirklich und
wahrhaftig in Frieden und Freude zu leben?
Wenn wir das nun wirklich und
effektiv wollen und uns verstehen wollen, wobei ich hier nicht nur intime
Beziehungen anspreche, sondern jegliche Art von Zusammenleben, müssen wir uns
selbst verstehen. Das ist die tatsächliche Grundlage, auf der Vertrauen wachsen
kann, wir werden später darauf zurück kommen. Echte Beziehung ist nur möglich,
wenn wir lernen, uns zu öffnen, uns zu enthüllen, also lernen, zu vertrauen.
Und dies zunächst einmal auf uns selbst bezogen, auch, oder gerade dann, wenn
wir gelernt haben, dass wir nicht einmal uns selbst vertrauen können, dem ein
zutiefst konfliktiöser Prozess unserer eigenen Bequemlichkeit zugrunde liegt.
Doch wenn wir weiter ängstlich mit den Mauern unserer Erwartungshaltungen und
Scheuklappen unserer Vorstellungen über eine zu verwirklichende Beziehung
herumirren, die wir uns in unserer jämmerlichen kleinlichen Kurzsichtigkeit
selbst schufen und auf Biegen und Brechen zu erhalten trachten, werden wir uns
und unser Umfeld nur weiter belasten und in der Folge weiter Konflikte
hervorrufen.
Der Autor würde nun, um das Problem
der Beziehung zur Gänze sowie detailgetreu zu beleuchten, zumindest ein Buch
verfassen müssen, was hier nicht seine Absicht ist. Er möchte allerdings ebenso
wenig als ein Stichwort-Ratgeber in Erscheinung treten. Vielmehr ist ihm klar,
dass er selbst zu helfen gar nicht imstande ist, und bittet sehr, nicht mit
einem Lebensberater verglichen oder verwechselt zu werden. Der Schreiber geht
lediglich von einigen ihm wesentlich erscheinenden Grundlagen aus, die er in
seinem eigenen Leben immer wieder zu beobachten imstande ist, und daraufhin
Zusammenhänge wahrgenommen hat, welche uns offensichtlich gemeinsam betreffen,
und welche er als „eine Anregung zur selbständigen Weiterbetreuung“ weitergeben
möchte.
Leben ist ein Vorgang andauernder
Bewegung von Beziehungen, wobei die Bewegung selbst nicht zuvor gedacht werden
kann; nur in echter unmittelbarer Beziehung kann diese Bewegung wahrgenommen
werden. In Isolation ist Leben nicht möglich, sie führt zu Neurosen. Beziehung
funktioniert als lebendige Betrachtung des Selbst im Anderen. Beziehung ist
zwischen allen Erscheinungsformen der Natur möglich und ständig neu und eigen.
Langeweile oder ein Nebeneinander her leben ist in einer lebendigen Beziehung
nicht möglich. Beziehung ist somit ständige Herausforderung. Herausforderung
verlangt Energie, und es liegt an uns, diese Energie aufzubringen.
Die Angst des Betrachters
Angst ist ein Alarmsystem, welches
der Kreatur als wesentliche Befindlichkeit mitgegeben ist, ebenso wie Schmerz
und Leid. Angst, Schmerz und Leid existieren nur in Beziehung zu etwas, nie für
sich allein. Angst ist ein Produkt aus der Trennung des Selbst von der
Gesamtheit, sowie, infolge, der Abhängigkeit des Selbst von den von ihm
errichteten Pfeilern seines Strebens nach etwas für sich, etwa Karriere, und
daher nie Produkt aus der Harmonie mit etwas. Auch das Streben nach Vergnügen,
das Verlangen, ist als Teil der Selbstbehauptung schließlich der Angst
ausgeliefert, wie all die zusammenhängenden Handlungen zwischen Anmaßung, Lust
und Leid, Gier, Abhängigkeit, Neid, Eifersucht, Hass, Gleichgültigkeit und
Trennung.
Der urteilende, wertende Beobachter
ist als solcher vom Objekt seiner Beobachtung getrennt, er ist nicht, was er
sieht und beurteilt, somit trennt er sich von seinem Umfeld und erzeugt sich
selbst die Position der Einsamkeit und den Konflikt zwischen ihm und dem
Beobachteten. Um Trennung wie Konflikt zu überleben, behauptet er sich als
Autorität oder sucht sich ein größeres Ziel, eine übergeordnete Autorität, mit
der er sich identifiziert.
Sich zu identifizieren ist ziemlich
leicht, allein, zu beobachten indessen, ohne einen Gedanken aufkommen zu
lassen, schwer. Doch nur das Ansehen, ohne zu akzeptieren und ohne abzulehnen,
was tatsächlich ist, eine Beobachtung, die weder Eigenengagement noch
Gleichgültigkeit kennt, kann den Beobachter mit dem Beobachteten wieder
versöhnen; die Betrachtung dessen, was ist, ohne ein Dagegenhalten dessen, was
sein sollte, öffnet das Selbst zum Ganzen. Doch es ist wesentlich leichter, vor
dieser Betrachtung, die ja eigentlich eine Selbstbetrachtung ist, zu fliehen,
entweder in neue Bewertungsschemen, oder in verschiedene Aktivitäten, egal ob
auf den Fußballplatz, ins Kino oder zu Gott oder irgendwelche Glaubensschemen
oder Rituale. Aktivitäten sind Ablenkungsmanöver, egal ob äußerlich oder
innerlich, sie bedienen die gleiche Ebene, sehr im Gegensatz zur effektiven
Handlung, die keine Reaktion des Geistes beinhaltet.
� Wenn wir lernen, zu beobachten, ohne zu bewerten, also wahr zu
nehmen, uns zu öffnen, so tun wir dies mit vollkommener Aufmerksamkeit, nicht
in Konzentration, die ja das Gegenteil von Aufmerksamkeit ist und bewirkt.
Konzentration fördert den Ausschluss von Vorgängen um das Geschehen, auf das
ich mich ausrichte. Sie können nicht offen sein, wenn sie sich auf eine einzige
Sache einpeilen, denn Sie zwingen sich selbst, Ihre ganze Energie auf einen Vorgang
zu bündeln. Daher trennen Sie sich von sich selbst und all den Vorgängen, die
jedoch mit dem Vorgang, den Sie eben beobachten, verbunden sind, und der
zugleich wie Sie selbst mit allem verbunden ist. Alle rundum geschehenden
Vorgänge zugleich ohne Vorurteil zu beobachten und als ein Gesamtes zu
betrachten, das uns selbst nicht ausschließt, fördert die Harmonie. Aufmerksam
zu sein ist keine Methode, es verlangt ihre volle Energie für alles, was um Sie
geschieht, und ist eine immer wieder neue Herausforderung, ist daher ungleich
schwieriger zu bewerkstelligen als Konzentration. Doch sie ist die Grundlage
der Harmonisierung uns Beziehung des Selbst zum Ganzen.
� Wir müssen lernen, wie das Denken funktioniert, wir müssen es
beobachten und uns selbst in ihm. Woher etwa kommt es, dass wir sagen „ich und
mein Denken“, „cogito, ergo sum“? Wenn wir andere begreifen wollen, wenn wir
Beziehung zu anderen haben wollen, müssen wir von uns ausgehen, wir müssen uns
selbst begreifen, wahrnehmen, ansehen können, und dies in jedem Augenblick –
sonst ist Beziehung unmöglich: Sie können zwar glauben, sich auf etwas oder
jemand zu beziehen, indem Sie eine Vorstellung von Beziehung aus der
Vergangenheit in ein Jetzt transponieren, werden aber doch immer wieder
anecken. Ist es möglich, mit den Mitteln des Verstandes eine lebendige
Beziehung zu führen, wo wir doch beobachten, dass der Verstand sich
ausschließlich aus Bildern vergangener Erlebnisse zusammensetzt, aus
Erinnerungen und einem gigantomanischen „Brockhaus der Geschichte der gesamten
Menschheit“ besteht. Können wir damit eine lebendige Beziehung gestalten und
führen?
Können Sie sich lebendig, stets neu
entdeckend, auf jemanden beziehen mit all den Verletzungen, die Sie sich
gegenseitig beigebracht haben, den Erinnerungen, den Bedürfnissen, den
Erwartungshaltungen, den Anforderungen, die Sie an einen Menschen stellen, an
einen Gefährten, den Sie angeblich lieben?
Wir müssen lernen, wie das Denken
funktioniert, begreifen, was dem Vergnügen und dem Verlangen zugrunde liegt,
und dass all unser erworbenes Wissen, alle Erkenntnis und Erfahrungen in
unserem Super-Computer Bilder entstehen ließen, die aus der Vergangenheit
stammen, und deren dadurch voreingenommenes Resultat wir selbst sind. Diese
Bilder treten zueinander in Beziehung, solange wir an ihnen hängen, nicht die
Menschen selbst ohne ihre Erinnerungen, Vergleiche, Wünsche, Erwartungen,
Hoffnungen und Beschwerden.
� Zusammenfassend noch einmal folgende Zusammenhänge:
Aufmerksamkeit ist ein Zustand, der
keine Flucht kennt.
Zu lernen, sich zu öffnen, wie zu
beobachten, ohne zu bewerten, ist schwieriger, als zu denken, da die Natur des
Denken einem ununterbrochenen Beschäftigungsdrang zu unterliegen scheint, der
offensichtlich ein permanentes Ablenkungsmanöver vor der Grundbehauptung
(eigentlich –lüge) eines seines Selbst ist, nämlich dem „Ich“ als getrennte
Lebenseinheit in zu erstrebenswerter Harmonisierung mit allen anderen
Einheiten, jedoch zu allererst der Selbstbehauptung über alle anderen Iche
hinweg, zugleich in Verschleierung dieses eigen auferlegten Kampfes durch
schöne Worte und gefällige Handlungen, bis schließlich hin zur einer „Erlösung
des Selbst“, der eigenen Person so zu sagen, inklusive paradiesischer Ewigkeit
mit Gott als gütigem Erbarmer, Allseeligsprecher und Erquicker.
Die Aktivität des Geistes ist
unsere Aktivität. Sie ist eine Flucht vor der Selbstbetrachtung und steht im
Gegensatz zum unmittelbaren Handeln als praktische Herausforderung. Zu handeln
bedeutet nicht, vor oder nach einer Beobachtung auf den eigenen Geist, der ja
das Produkt der Vergangenheit ist, zu reagieren, sondern eine unmittelbare
Aktion auf ein eben stattfindendes Geschehen zu setzen. In Selbstvertrauen zu
handeln, ohne Konflikt hervorzurufen, ist also nur möglich, wenn klar ist, dass
ich aus Vergangenheit bestehend niemals konstruktiv auf die Gegenwart reagieren
kann, sondern mich vollkommen im jetzigen Geschehen ohne Ansehen meiner
Konditionierung hingebe und löse, somit eine Lösung bewirke, die meine
Konditionierung aufhebt.
Leben ist ein Prozess immer
währender innerer und äußerer Herausforderungen und ihrer Reaktionen. Zu leben
bedeutet, ständig zu agieren, nicht zu reagieren. Solange Herausforderungen mit
alten, konditionierten Reaktionen beantwortet werden, entsteht Konflikt.
� Der Erwerb von praktischem Wissen ist notwendig, jedoch
ungeeignet, ein glückliches Leben zu leben. Zwischen „lernen“ und „lernen“
besteht ein Unterschied. Da ist das Sammeln von praktischem Wissen, etwa das
Erlernen einer Sprache usw. Wird dieses Sammeln von Wissen zum Streben nach
Karriere, Idealen und Zielen missbraucht, entstammt es immer noch dem Geist,
der aus Vergangenem hervorgeht, und damit bedingt ist und nur begrenzt agieren
kann. Dass der Verstand begrenzt sein muss, ergibt sich schon aus seinem
Bestreben nach ständig neues Wissen von der Wiege bis zur Bahre.
Intellektualität führt daher zu Trennung und Konflikt. Lernen aus dem Leben führt
zur Öffnung, zur Einsicht in die Realität, und ist allerdings ein intelligenter
Prozess, ein Zustand der Liebe.
� Wir müssen lernen, uns zu begreifen, uns wahr zu nehmen, Moment
für Moment, ohne uns zu beschönigen, abzulehnen oder über uns gleichgültig zu
werden. Wir müssen uns ein echtes Anliegen werden, das mit inneren oder äußeren
Zielvorstellungen nichts zu tun hat. Denn im wertfreien ansehen können der
Realitätgibt es keinen Widerstand, daher lösen sich Konflikte und Trennung
nicht etwa durch auch noch so gut gemeintes Bemühen oder durch Disziplin und
Zwang, sondern durch die Qualität des Ansehens selbst. Realität kann nur zum
Vorschein kommen, wenn der Geist still ist und nicht still gemacht wurde.
� Es gibt keine Trennung zwischen uns und der Welt. Die
Gesellschaft mit ihrer Anmaßung, Verlogenheit, Korruption, Hässlichkeit,
Brutalität, Extravaganz und Verschmutzung ist die Folge unseres Handelns, eines
Handelns in Isolation. Um wirklich eins mit allem sein zu können, muss der
Geist zuvor seine eigene Isolation wahrnehmen und vollkommen durchstehen, ohne
Reaktion, in Stille.
Dabei darf nun die Frage nicht
lauten „wie kann ich meine Einsamkeit betrachten, durchmachen, akzeptieren oder
leugnen“. Wenn Sie sich einsam fühlen, dann sind sie einsam; es gibt keine
getrenntheit vvon Einsamkeit, wenn Sie einsam sind: Sie selbst sind Einsamkeit.
Im stillen Ansehen dieser Tatsache jedoch, ohne Reaktion, ohne zu sagen „ich
will diese Einsamkeit nicht“ oder ähnliches, verliert dieses unersättliche
„Fass ohne Boden“ Einsamkeit des aktivitätshungrigen, ablenkungssüchtigen
Geistes seine unendliche Tiefe und wird gestillt mit einem unbeschreiblichen
Gefühl der Schönheit und des Einigseins mit allem, dem AllEinSein. Nur ein
solcher stiller ruhender Geist kennt keine Trennung von allem in der Welt.
Glauben Sie jetzt nicht, dass Sie
allein sein können, indem Sie es glauben, sind Sie es nicht. Sie müssen es
ständig tatsächlich bewirken, das ist sehr schwer. In dem Augenblick, in
welchem Sie reagieren, sind Sie nicht mehr allein, sondern wartet die
Einsamkeit schon hinter der nächsten Ecke.
� Die Zeit als trennendes Maß des Beobachters vom Beobachteten,
dessen, was ist, nämlich der Beobachter selbst mit all seinen Voreingenommenheiten,
und dem, was in den Augen des Beobachters sein sollte, seiner Meinung nach,
seiner Idee, seinem Ideal usw. zur Folge, stattfinden sollte, ist ein
selbsterzeugter Raum, der dort und in dem Moment seine Lösung findet, in
welchem der Beobachter wieder zum Beobachteten wird. Dies kann nicht durch
Disziplin und Handlungen geschehen, die aus einem Bemühen folgen, sondern nur
aus der Stille eines offenen Geistes, der zu bewerten aufgehört hat.
Sie können tausendemale wieder
geboren werden, wenn Sie nicht augenblicklich sich öffnen, werden sie sich
unendlich lange Stück für Stück bemühen, in den Zustand der Stille zu gelangen,
die Sie das werden lässt, was Sie sind. Dies ist ausschließlich möglich durch
eine momentane Mutation ihres Selbst. Sie können nur jetzt ins Jetzt tauchen,
und Sie können es nicht durch Disziplin tun oder erreichen, Sie können nicht
erfolgreich danach streben, denn Sie befinden sich im Zustand der
Unbeständigkeit und Trennung, die Sie selbst sind und nicht aufheben können.
� Sehr bittet der Autor an dieser Stelle nochmals, seinen Worten
weder Glauben zu schenken, noch ihm zu vertrauen: Sie sind dazu da, Ihr Leben
selbst zu leben, Sie müssen Ihr Leben selbst in die Hand nehmen, wenn es Ihnen
ein Anliegen ist, was allerdings das Anliegen des Autors ist. Denn wenn wir
nicht in funktionierenden Beziehungen miteinander leben können, werden wir
weder Frieden haben mit uns selbst, noch mit unseren Nächsten, noch mit wem
oder was immer; wer jedoch soll das dann für uns bewerkstelligen, wenn nicht
wir selbst?
Wenn wir uns außerstande sehen,
friedfertig zusammen zu leben, werden wir alle vernichtet werden, früher oder
später, denn was Sie sähen, werden Sie ernten. Himmel, es kann Ihnen doch nicht
egal sein, ob Ihr Sohn, den Sie angeblich lieben, eines Tages in einem Krieg
oder durch eine andere Gewalttat umkommen wird, oder wie Ihre Tochter in der
Mühle patriachalischer Unterdruckungsmechanismen mehr und mehr verschwindet!
Wenn Sie sich dafür nicht interessieren, wofür interessieren Sie sich dann?
Vergeben Sie die Direktheit des
Schreibers; wenn Sie den Tatsachen nicht ins Auge schauen wollen, werden Sie
jedoch eines Tages überrascht sein, in welch verwickeltem gordischen Knoten von
chaotischen Verhaltensweisen Ihres Umfeldes Sie Ihr gequältes Leben verbringen,
abgesehen von einigen wenigen Sternstunden, die Sie vielleicht dann im Stich
lassen werden, wenn Sie selbst sie am liebsten hätten, nämlich beim längsten
Abschied.
Sehen Sie sich um: sehen Sie sich
das Verhalten ihres unmittelbaren Umfeldes an, Ihrer Frau, Ihres Mannes, Ihrer
Kinder, Ihrer Eltern, Ihrer Nachbarn, Ihrer Freunde und Bekannten, der Menschen
auf der Straße und in der Straßenbahn: hat das nichts mit Ihnen zu tun? Oder
erkennen Sie darin Ihr eigenes Verhalten wieder? Alles, was Sie erkennen, sind
Sie selbst. Es gibt nicht eine einzige Tatsache, die Sie beobachten, die nichts
mit Ihnen zu tun hat. Denn Sie selbst sind der Interpret dessen, was Sie sehen,
Sie sind, was Sie sehen und bewerten, Sie wissen genau, was Sie denken und
wovon Sie sprechen, wenn Sie beurteilen.
Sie sind der Beobachter, der
getrennt ist vom Beobachteten und somit weiter Trennung hervorruft. Doch Sie
kennen all das, was Sie trennt, denn Sie sind all das selbst. Können Sie sich
also selbst betrachten und sich selbst erkennen, in dem was Sie sehen, wahr
nehmen, dass all das wirklich mit Ihnen zu tun hat? Mit wem sonst? Es betrifft
Sie! Sie erleben es, und nichts ist umsonst, was geschieht. Auch Ihr Leben
nicht und Ihre kleines Chaos, das Sie zu ordnen versuchen.
Den Konflikt in einer Beziehung zu
erkennen, ist also von höchster Wichtigkeit und nichts anderes, denn aus diesem
Konflikt erschaffen wir die Welt, in der wir Tag für Tag leben, das Elend, die
Armut, die ganze Hässlichkeit des Lebens. Beziehung ist die Antwort auf die
Bewegung des Lebens. Das heißt, das Leben ist eine ständige Herausforderung,
und wenn die Antwort ungenügend ist, entsteht Konflikt. Nicht woran Sie denken
und was Sie sich vorstellen, ist entscheidend, sondern wie Sie sich zu Ihrer
Frau, Ihren Kindern, Ihern Angestellten verhalten.
Verhalten ist nicht ideales
Verhalten. Es gibt kein ideales Verhalten. Verhalten ist das, was Sie sind, von
einem Augenblick zum anderen, wie Sie sich von einem Moment zum anderen
benehmen. Das Ideal ist eine Flucht vor dem, was Sie sind. Wie können Sie weit
kommen, wenn Sie nicht erkennen, was Ihnen am nächsten ist, wenn Sie Ihre Frau
nicht wahrnehmen? Sie müssen in der Nähe beginnen, wenn Sie weit kommen wollen.
Wenn Ihre Augen auf den Horizont
fixiert sind, zum Beispiel auf so genannte Religionen, haben Sie alles Beiwerk
des Glaubens zur Hand, das Ihnen zur Flucht verhilft. Wichtig ist also nicht,
wie Sie fliehen können, denn jede Flucht ist so gut wie die andere – religiöse
Zuflucht und weltliche Zuflucht ist eins, und Flucht kann Ihr Problem nicht
lösen; und das Problem ist der Konflikt, nicht nur der Konflikt zwischen
Individuen, sondern der Weltkonflikt.
Beziehung ist der Prozess des
Sich-selbst-Verstehens, und sich selbst zu verstehen im täglichen Leben, von
einem Augenblick zum anderen, ist Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis ist keine
Religion, kein endgültiges Ziel. Es gibt kein endgültiges Ziel. Das gibt es nur
für den Menschen, der fliehen will; doch das Verstehen der Beziehung, das sich
in einer ständig entfaltenden Selbsterkenntnis vollzieht, ist grenzenlos.
Selbsterkenntnis ist also nicht das
Erkennen des Selbst, welches sich auf ein Potest gestellt hat; sie geschieht
von einem Moment zum anderen im täglichen Verhalten, im Handeln, in Beziehung.
Ohne diese Selbsterkenntnis ist kein richtiges Denken möglich: Sie haben keine
Basis für richtiges Denken, wenn Sie nicht wissen, was Sie sind. Sie können
sich nicht abstrakt, in einer Ideologie erkennen, Sie können sich nur in den
Beziehungen des täglichen Lebens erkennen, um etwa zu wissen, dass Sie sich in
Konflikt befinden.
Selbsterkenntnis ist der Anfang der
Weisheit, ohne Selbsterkenntnis können Sie nicht weit kommen. Die Suche nach
dem Absoluten, nach Gott oder nach der Wahrheit, ist nur eine Suche nach einer
selbst projizierten Befriedigung. Deshalb müssen Sie im Nahen beginnen, jedes
Wort untersuchen, das Sie aussprechen, jede Geste, Ihre Art zu sprechen, zu
handeln, wie Sie essen und so weiter. Seien Sie sich all dessen bewusst, ohne
etwas zu verurteilen. Dann werden Sie in dieser Bewusstheit erkennen, was
tatsächlich ist, und auch die Transformation dessen, was ist. Das ist der
Anfang der Befreiung. Befreiung ist kein Ziel, Befreiung kommt von Augenblick
zu Augenblick im Verstehen dessen, was ist, wenn der Geist frei ist – nicht
frei gemacht wird. Nur ein freier Geist kann entdecken, nicht ein Geist, der
von einem Glauben geformt oder einer Hypothese geprägt wird, ein solcher Geist
kann nicht entdecken. Wo Konflikt ist, kann es keine Freiheit geben, denn
Konflikt ist die Erstarrung des Selbst in einer Beziehung.
� Die Bewegung des Geistes, seine Ablenkungsmanöver, seine
Aktivitäten, sie sind die Ratlosigkeit des Verstandes, die ständige Suche des
Denkens aus dem Repertoir der Vergangenheit,
in allen Varianten und Kombinationen an dieses gebunden. Der Geist ist
unbeständig und strebt nach Ordnung, da er selbst Unordnung ist. Wir müssen
lernen, zu verstehen, dass seine Natur begrenzt ist, indem wir seine
Unbeständigkeit betrachten, die Unordnung und Abhängigkeit hervorruft. Die
innere und äußere Bewegung erzeugt Ideen, Ideale, Ziele, Motive, Absichten und
Abhängigkeiten, denen wir uns verpflichtet fühlen.
Der Geist kann nur still werden,
wenn er seine Begrenztheit und Unbeständigkeit erkennt, wenn er erkennt, dass
Konflikte aus Trennungen resultieren, die er aus Begrenztheit selbst
hervorruft, wenn ihm klar wird, dass er selbst sein eigener Inhalt ist, und
wenn ihm diese Erkenntnis nicht von einem anderen, etwa seinem „ich“
aufgezwungen wird, das er selbst geschaffen hat.
Ordnung und Bestand liegen nicht in
Disziplin, Härte oder Zwang, denn Ordnung kommt aus der Freiheit. Beständigkeit
ist flexibel und hat ihre Wurzeln in der Unendlichkeit.
� Wer meint, er wüsste und sei beständig, hinterlässt verbrannte
Erde. Auserwählte meinen, sie wüssten etwas. Dies alles zurückzuweisen und sich
auf sich selbst zu verlassen, heißt, sich selbst ein Licht zu sein und zu
vertrauen. Der Geist, der verwirft, was er weiß, der verstanden hat, was nicht
beständig ist, weiß, dass er niemals wissen kann, was wahre Beständigkeit ist.
So entsteht ein Zustand der Flexibilität und Harmonie, denn der Geist befindet
sich im natürlichen Zustand der Unwissenheit.
Die Wahrheit des Nichtwissens ist
der einzige Faktor, von dem ausgegangen werden kann; diese Wahrheit ist das
Beständige. Wir sind in einem Zustand permanenten sich Öffnens und Lernens. In
dem Augenblick, in dem ich sage „ich habe gelernt“, habe ich zu lernen aufgehört.
Dieses Aufhören ist die Trennung vom Beständigen, und die Beständigkeit der
Trennung nimmt ihren Lauf.
� Das Wissen über die Unwissenheit entlastet den Geist vollkommen.
Darin liegt Freiheit des Geistes, unendliche Schönheit und Stille. Das Gehirn, das
mechanisch von Erinnerung zu Erinnerung funktioniert, fand Sicherheit im
Wissen, das praktisch und physisch notwendig ist, um zu überleben, psychisch
war das Gehirn allerdings in seinen Konditionen gefesselt.
Jetzt ist es nicht mehr
beschäftigt. Das alte Hirn wird von seinen Beschäftigungen geläutert, ein
neues, unberührtes Denken wird geboren, das sich harmonisch in der Ordnung der
Stille bewegt. Stille ist eine Ordnung, die keine Autorität kennt, denn sie ist
sich selbst ein Licht und kann augenblicklich, doch ausschließlich, wahr
genommen werden von einem unberührten Geist.
� Beziehung und Liebe ist nur möglich in ständigem sich neu Entdecken und Verwerfen alter Begriffe und
Kollektionen des Wissens. In einer Beziehung wird Liebe offenbar, wenn die
Beziehung auf permanenter Enthüllung und Neuentdeckung des Selbst im Anderen
beruht, sprich ununterbrochene praktische Selbsterkenntnis. Das erzeugt eine
ungeahnte Zuneigung, ein ewig neu geborenes Vertrauen. Dies ist wahrhaftige
Meditation.
Intelligenz - als die Tochter der
Weisheit, welche die Tochter der Wahrheit ist - ist praktisch Liebe;
Intelligenz zu praktizieren heißt, zu lieben, nicht wahr? Wenn ich alles
anzweifle, was mit Liebe nichts zu tun hat, Absicht, Gebundenheit, Abhängigkeit
und so weiter, dann brauche ich nicht mehr zu fragen, was Liebe ist, dann ist
Liebe da. Dann öffnen sich Türen zu einem Leben, das unbedingt, unabhängig,
unmittelbar und reibungslos funktioniert, ohne Konflikt. So beginnen wir, zu
entdecken, was Beziehung ist, wenn Intelligenz entsteht: ein erstaunlich
einfaches, vollkommenes Leben.
Erwin Leder, 21. Juni 2003